#rpTEN-Speaker Bundesrichter Thomas Fischer: Schuld und Bühne

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Thomas Fischer

"Erklärergottvater des deutschen Rechtswesens" spottete ein Berliner Richter in diesem Jahr in der Frankfurter Allgemeinen über Thomas Fischer. Bundesrichter Fischer nannte ihn wiederum einen "Bußgeldrichter, dem die analytische Tiefe fehle". Fischer sucht den Diskurs mit anderen RichterInnen, WissenschaftlerInnen und VerteidigerInnen und geht doch keinem Disput aus dem Weg. Einige halten ihn für einen der “intellektuellen Motoren des Bundesgerichtshofs” schlechthin.

Auf der re:publica 2016 wird Fischer darüber sprechen, wie die Digitalisierung der Kommunikation die Formen von Kriminalität und ihre Wahrnehmung verändert. Denn selten gibt es Bereiche, die so weit auseinanderdriften wie das tatsächliche, zu interpretierende Recht und seine öffentliche Interpretation. "Die Menschen sehen sich globalen und unbeherrschbaren Risiken ausgesetzt und versuchen den eigenen Ängsten dadurch zu entkommen, dass sie im beherrschbaren Kleinraum des Strafrechts Fehlverhalten immer härter geahndet sehen wollen“, diagnostiziert Bundesrichter Fischer und nennt dies "irrationale Ambivalenz".

Fischer schreibt einen der wichtigsten Kommentare zum Strafrecht. Noch breitenwirksamer sind aber seine wöchentlichen Einlassungen und Bemühungen um die Diskursfähigkeit und -bereitschaft der Gesellschaft – vielfach geteilt in sozialen Netzwerken. Wer den nüchternen Duktus juristischer Texte kennt, den erfrischt die wöchentliche Kolumne Fischer im Recht . Dort äußert er sich mit großer Offenheit und Sprachlust zu Geflüchteten, zum Fall Edathy und vielem mehr, was die Öffentlichkeit erzürnt oder berührt und stellt dabei pointenreiche Bezüge zum Recht her.

Auch wenn er sich nicht als klassischer Blogger wahrnehme, so Fischer: "Ich bin nun wahrlich kein Netz-geübter Blogger oder ähnliches. Manches scheint mir auch eher ein bisschen befremdlich", sagte er über das re:publica-Konzept , als wir ihn im letzten Jahr erstmalig einluden.

Fischer entschied sich für das Strafrecht, weil ihn der immerwährende moralische Prozess fesselte, in dem Normen entstehen, durchgesetzt werden und verfallen. Mittlerweile ist er Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof. Haltung und persönliche Überzeugung einer Vorsitzenden durchdringen die Rechtsprechung des ihm anvertrauten Senats und beeinflussen damit auch die des Bundesgerichtshofs. Seine Haltung gibt auch seinen Populärveröffentlichungen ihre Struktur.

Anders interpretiert könnte diese Klarheit als Härte gelten. Aber ähnlich wie seine Texte, die schnelle und anspruchsvolle Gedanken in ihr Publikum transportieren, verlief Fischers Leben in interessanten Kurven. So arbeitete er vor der Exzellenzkarriere als Jurist unter anderem als Schreiner, Musiker und Kraftfahrer. Zwei Jahre wohnte er in einer Musikkommune in Worms und versuchte, als Popmusiker Karriere zu machen. 1986 promovierte er zum Thema Öffentlicher Friede und Gedankenäußerung. Vielleicht braucht es einen unbequemen Typen wie Fischer, um das vermeintlich dröge Recht wieder für alle ein wenig interessanter zu machen. Er reflektiert und hinterfragt, bildet sich eine eigene Meinung und spricht sie aus, auch wenn das die ZuhörerInnen ärgert. Wir sind gespannt auf den Mai 2016!

Bildernachweis: Michael Herdlein

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