Clash of Cultures – Bewegungen und ihre Organisationen

Politics & Society
re:publica 2016

Kurzthese: 

Die Bewegungen des Freien Wissens haben ein schwieriges Verhältnis zu formalen Organisationen, zu ihren eigenen und zu denen der öffentlichen Hand.

Beschreibung: 

  • Die jüngste Führungskrise in der Wikimedia Foundation ist nur das jüngste in einer Reihe von Beispielen dafür, dass das Verhältnis zwischen den WikipedianerInnen und der Stiftung, deren Mission es doch ist, dieser Community zu dienen, ein strukturell konfliktträchtiges ist.

  • Landesregierungen möchten Freifunk unterstützen. In Thüringen erwies sich trotz besten Willens auf beiden Seiten die geplante Projektförderung als inkompatibel zu Freifunk. In Niedersachen will man aus diesem Fehler lernen. Zudem wird die Bewegung regelmäßig gebeten, sich als Infrastrukturbetreiber zu betätigen. Das kann und möchte sie nicht und überlegt derzeit, für diese Aufgaben separate Genossenschaften zu gründen.

  • Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat eine dienende Aufgabe gegenüber den Beitragszahlenden. Als grundgesetzlich begründete Institution ist hier alles stark formalisiert, aber die Mechanismen sind ähnlich wie bei Wikimedia und Freifunk: Die 'Basis' beauftragt die Anstalten mittels Rundfunkstaatsvertrag und Dreistufentest, sie bezahlt sie mit ihren Beiträgen und überprüft hinterher mittels der Rundfunkräte, ob ihr Auftrag sparsam erfüllt worden ist.

Wikipedia, Freifunk und der öffentlich-rechtliche Rundfunk – drei Wissensinstitutionen, die dem Gemeinwohl, der res publica verpflichtet sind. So unterschiedlich sie sind, besteht das Verhältnis von Basis zu Institution jeweils aus den drei Schritten: Beauftragen, Bezahlen, Begutachten.

Die höchste Gewalt und oberste Quelle der Legitimität ist das Volk, ob in der Republik oder bei Wikipedia. Gleichzeitig ist gar nicht immer klar wer “das Volk”, wer die legitimitätsstiftende Gemeinschaft ist - Beitragszahlende, StaatsbürgerInnen oder Menschen, die im Sendegebiet leben? Im Fall von Wikimedia, die Wikipedia-Autorinnen, die SpenderInnen oder auch die LeserInnen?

Die als relevant erkannte Gemeinschaft ermächtigt FunktionsträgerInnen, üblicherweise durch Wahlen, in ihrem Auftrag zu handeln. Diese Organisationen können zentralisiert sein, wie bei Regierung und Wikimedia Foundation oder dezentral und föderiert, wie bei Bundesrepublik, Freifunk-Initiativen und ARD.  Als Auftraggeber bezahlt die jeweilige Gemeinschaft seine Funktionsträger, ob durch Steuern, Rundfunkbeiträge oder Spenden wie bei der Wikipedia. Schließlich sind die Funktionsträger der Gemeinschaft Rechenschaft darüber schuldig, wie sie ihren Auftrag ausgeführt haben und ob der Mitteleinsatz verhältnismäßig war. Daraufhin entlastet die Gemeinschaft sie, rügt sie und/oder passt den Auftrag entsprechend an.

Dass sie drei Schritte beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk – der natürlich nicht aus einer Bewegung hervorgegangen ist – derart formalisiert sind, hat den Vorteil der Klarheit. Es erlaubt zu genauer fragen, wie die drei Schritte zwischen Wikipedianern und WMF, den Freifunk-Initiativen und den neu entstehenden Genossenschaften, zwischen den Bewegungen der Freien Software und ihren Stiftungen (Apache, Mozilla, Bitcoin), des Internet (IETF, IGF) usw. jeweils ablaufen. An welchen Stellen treten Konflikte auf? Wie lassen sich Prozesse verbessern? Wie lässt sich der Vertrauensvorschuss der Beauftragung verstetigen? Wie eine Verselbständigung verhindern?

Neben dem Verhältnis von Bewegungen und Gemeinschaften zu ihren eigenen Organisationen verdient auch das zu den Organisationen der öffentlichen Hand unsere Aufmerksamkeit. Mit Öffentlich-Privaten-Partnerschaften gibt es viele, bisweilen leidvolle Erfahrungen. Bei Öffentlich-Zivilgesellschaftlichen-Partnerschaften wie beim Internetausbau stehen wir gerade am Anfang. Die Öffentlich-Rechlichen Rundfunkanstalten haben Schnittstellen für die kommerzielle Weiternutzung ihrer Inhalte, aber keine zu öffentlichen Schulen und Bibliotheken oder zur Wikipedia. Auch wenn beide Seiten zueinander finden wollen, scheitert es oft in einem Clash of Cultures.

Wie gehen Bewegung und formale Organisationen zusammen? Was können wir aus den vergangenen zehn Jahren lernen? Was sagt unsere Kristallkugel über die kommenden zehn Jahre?

Diese Fragen diskutieren Kathrin Passig, Leonhard Dobusch, Monic Meisel und Volker Grassmuck.

Wer sie gleich im Anschluss an die Session mit uns weiter diskutieren möchte, ist eingeladen in die Networking Area (der letzte Raum vor dem re:lax Strand) in den meet up yellow. Ein Pad, um schriftlich gemeinsam über diese Fragen nachzudenken, gibt es hier: https://netzpolitik.ntpad.de/CoC.

 

Stage 2
Mittwoch, 4. Mai 2016 - 13:45 bis 14:45
Live Dolmetschung
Diskussion
Fortgeschrittene

Speakers

Rädchen im Getriebe
Professor für BWL mit Schwerpunkt Organisation